Europas größte Recyclinganlage für E-Auto-Batterien geht an den Start

Es ist das Schlüsselargument schlechthin, mit dem die Kritiker der Mobilitätswende gerne den E-Auto-Trend torpedieren: „Wo denn da die Nachhaltigkeit sei, wenn für die Produktion elektrisch angetriebener Fahrzeuge die Erde ihrer vielen wertvollen Ressourcen beraubt wird? Wenn schon allein die Akkus innerhalb von zehn Jahren gut 80 Prozent ihrer Leistung verlieren?“ In vielen Fällen sind jene Schwarzmaler dafür verantwortlich, dass Innovationsprozesse ausgebremst oder sogar gefährdet werden.

Doch die skeptische Stimmung dürfte mit dieser Nachricht einen Dämpfer bekommen: Im kleinen norwegischen Städtchen Frederikstad, ca. 90 Kilometer südlich von Oslo, hat kürzlich Europas größte Batterierecyclinganlage ihren Betrieb aufgenommen. 95 Prozent der Materialien in einer E-Auto-Batterie könnten laut Betreiber Hydrovolt zurückgewonnen werden. Bisher hatten sich nur kleine, hoch spezifizierte Unternehmen dem Thema Recycling angenommen – jetzt steigen die Großen mit ein. Kein Wunder, immerhin winkt hier ein Milliardengeschäft.

Wer steckt hinter Hydrovolt?

Hydrovolt ist eine Joint Venture des schwedischen Batterie-Start-ups Northvolt und dem norwegischen Aluminiumkonzern Hydro. Warum deren Standortwahl für das gemeinsame Unternehmen auf Norwegen fiel, dürfte auf der Hand liegen: Mit mehr als einer halben Million zugelassener Elektrofahrzeuge steht das skandinavische Land auf Platz Eins im europäischen E-Mobility-Ranking. In der Summe aller Neuzulassungen haben E-Autos die Verbrenner hier längst überholt.

12.000 Tonnen Batteriepacks soll die Anlage jährlich verarbeiten können, das sind ungefähr 25.000 Akkus – damit wäre der norwegische Markt für Altbatterien komplett abgedeckt. Doch damit soll nicht Schluss sein, denn das Unternehmen will auch im Rest von Europa mitmischen: Bis 2025 will Hydrovolt 70.000 Tonnen Batteriepakete recyclen, bis 2030 sogar beeindruckende 300.000 Tonnen, das entspräche ungefähr 500.000 E-Auto-Batterien. Ein wahrhaft ehrgeiziges Ziel, das die Öffentlichkeit und vor allem der Automotive-Sektor mit großem Interesse verfolgen dürfte.

Wie funktioniert der Recyclingprozess?

Der weltweite Bedarf an begrenzten Rohstoffen wächst unaufhörlich, die Preise für jene Materialien, die für die Akkuherstellung gebraucht werden, steigen schon jetzt allmählich in schwindelerregende Höhen. Dabei sollte bedacht werden: Noch stehen wir gerade am Anfang der Mobilitätswende. Dazu kommt, dass mit der Gewinnung der relevanten Rohstoffe eine enorme Belastung für Mensch und Natur einhergeht. So erscheint ein effizientes Recyclingverfahren eben nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen richtig und wichtig, sondern auch für das ökologische Gleichgewicht.

Batterien für E-Fahrzeuge können problemlos mehrere Hundert Kilo auf die Waage bringen. Das Recyclingverfahren ist dabei überaus komplex. Allein 70 Prozent des Gewichts machen die begehrten Metalle aus. Nach vollständiger Entladung und Demontage werden die wertvollen Batteriezellen zunächst geschreddert. Bereits während des Vorgangs können kleinste Partikel durch ein hochtechnisiertes Staubsammelsystem aufgefangen werden, um die Verwertung so effizient wie möglich zu gestalten – damit ließen sich schon mal die 95 Prozent erklären.

Übrig bleiben Kunststoffe, Aluminium, Kupfer, Lithiumelektrolyt und ein schwarzes Pulver, das im Recyclingjargon gerne als das „schwarze Gold“ bezeichnet wird. Darin befinden sich die seltenen, stark nachgefragten Rohstoffe, sprich Lithium, Mangan, Kobalt und Nickel. In einem komplizierten Verfahren unter Einsatz von Lösungs- und Fällungsmitteln werden die Materialien sukzessiv voneinander getrennt.

Was passiert mit den recycelten Rohstoffen?

In einem Statement von Northvolt heißt es: „Indem wir die aus der Erde geförderten Rohstoffe durch recycelte Materialien ersetzen, können wir nicht nur den CO2-Fußabdruck der Batterien verringern, sondern auch die nachhaltige langfristige Nutzung der Lithium-Ionen-Batterietechnologie ermöglichen.“

So erstrebenswert dieser nachhaltige Ansatz auch sein mag, so darf dennoch nicht vergessen werden, dass es vor allem wirtschaftliche Motive sind, die hier den Ton angeben. In dem Kontext wird der Grund für das Joint Venture ersichtlich. Das vorranginge Interesse von Hydro gilt natürlich dem zurückgewonnenen Aluminium. Immerhin braucht es für das Recyclingverfahren nur einen Bruchteil der Energie, die bei der Herstellung von reinem Primäraluminium aufgewandt werden muss.

Partner Northvolt will die Rohstoffe im Sinne der eigenen Mission dafür nutzen, neue Batterien zu produzieren – gemeint sind jene Elemente aus der schwarzen Masse. Eine erste Lithium-Ionen-Batteriezelle mit einer Kathode aus Nickel-Mangan-Kobalt soll bereits fertig sein. Klar, hier muss sicher noch einiges an Entwicklungszeit hineinfließen, doch nach Aussagen Nothvolts befinde sich die Zelle schon jetzt auf „Augenhöhe mit Zellen, die mit frisch abgebauten Materialien hergestellt wurden.“ Bis 2030 will das Unternehmen 50 Prozent der recycelten Rohstoffe in die Produktion von Batterien investieren. Man darf also gespannt sein, wo die Reise hingeht. Viele Experten glauben aber schon jetzt: E-Auto-Batterien, made in Europe, werden ein Meilenstein auf dem Weg in eine nachhaltigere Zukunft sein.

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